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Zwischen humanistischer Bildung zu Digital Humanities

Ines Balcik
25.03.2024

Ingenieure und Technik

Technik und Geisteswissenschaften schließen sich nur auf den ersten Blick aus. In einigen Köpfen spukt vielleicht noch das Bild altehrwürdiger deutscher Ingenieure herum, die im 19. und 20. Jahrhundert großen Anteil an der industriellen Entwicklung hatten. Und an der Ingenieurskunst und -kultur, mit der auch diese Altmeister der Technik bereits in Verbindung gebracht wurden.

Eine Verbindung, die gar nicht so weit hergeholt ist, wie sich unschwer an der ursprünglichen Bedeutung des Worts Technik ablesen lässt: griech. téchnē bedeutet so viel wie Geschick, Handwerk, Gewerbe, aber eben auch Kunstfertigkeit – und Kunst.

Digitale Technik

Was damals zutraf, gilt heute erst recht: Technik in unserer Zeit hat sehr viel mit Digitalisierung zu tun. Ohne digitale Technik würden heute die meisten Rädchen stillstehen. Das gilt auch für einen Bereich, der einem im Zusammenhang mit Technik nicht als Erstes in den Sinn kommt: Die Digitalisierung hat selbstverständlich auch Bibliotheken längst erreicht. Und damit auch die Geisteswissenschaften. Oder umgekehrt. Die Geschichte der sogenannten Digital Humanities ist an dieser Stelle weniger wichtig als der Hinweis auf die Existenz dieses noch recht jungen Zweigs der Wissenschaft. Wikipedia übersetzt Digital Humanities (abgekürzt: DH) mit „digitale Geisteswissenschaften“. Gemeint ist damit, dass alle Bereiche der Informationswissenschaften im Zusammenhang mit Geistes- und Kulturwissenschaften genutzt und erforscht werden. Als Beispiel sei hier nur die Computerlinguistik genannt, der Bereich also, der unter vielem anderen dafür sorgt, dass Internetsuchmaschinen überhaupt finden, was wir Menschen suchen.

Nationalbibliothek und Digitalisierung

Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass ausgerechnet die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) einen DH-Call startet, also dazu aufruft, sich mit einem Projekt zu Digital Humanities zu bewerben. Denn natürlich sammelt die Nationalbibliothek weit mehr als Bücher. Die Sammlung der DNB mit ihren beiden Standorten Leipzig und Frankfurt am Main umfasst Medienwerke aller Art, darunter E-Paper und E-Books ebenso wie Musiknoten. Der Bestand der Nationalbibliothek (Dazu eine Zahl: Wir reden von mittlerweile mehr als 27 Millionen Datensätzen!) soll ausdrücklich nicht nur Forschung und Wissenschaft zur Verfügung stehen, sondern auch für kreatives und experimentelles Arbeiten genutzt werden.

Data Mining im Zettelkatalog

Spätestens an diesem Punkt kann die digitale Technik wertvolle Hilfe leisten. Ließen sich früher Bestände in Bibliotheken noch über Zettelkataloge vor Ort durchsuchen, so sind die unablässig wachsenden Bestände heute längst in elektronischen Katalogen erfasst. Aber damit sie auch sinnvoll genutzt werden können, sind immer ausgeklügeltere Methoden des Data Mining erforderlich. Dass auch ältere Medien zunehmend digitalisiert und damit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist dabei nur ein Teilaspekt. Von zentraler Bedeutung ist es, eine durchdachte digitale Infrastruktur zu entwickeln.

Noch bis Mitte April 2024 läuft der Call of Papers in Digital Humanities: https://www.dnb.de/DE/Professionell/Services/WissenschaftundForschung/DHCall/dhcall_node.html

Die Details zur Ausschreibung finden sich dort: https://www.dnb.de/DE/Professionell/Services/WissenschaftundForschung/DHStipendien/dhstipendien_node.html

Das Wohl der Menschen fördernd

An humanistischen Gymnasien widmete man sich einst den sogenannten klassischen Studien, Generationen von Schülern (… es dauerte, bis auch Schülerinnen zugelassen wurden) paukten Altgriechisch und Latein und antiken Geist. Aber wenn wir dieses verstaubte humanistische Gespinst abstreifen, so schält sich die sehr aktuelle und Bedeutung heraus. „Humanistisch“ bedeutet nämlich vor allem „die Würde des Menschen bewahrend, das Wohl der Menschheit fördernd, vom Geist der Menschlichkeit erfüllt“. Das darf uns allen eine Mahnung sein, bei allem digitalen Fortschritt niemals die Menschlichkeit aus dem Blickfeld zu verlieren.

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